Bedeutung der Ganztagsschule für Kinder, Eltern und die Entwicklung der Stadt Geestland

Podium

Christel Hempe-Wankerl, Uwe Lorenz, Nina Hebener (von links)

Der Lindenhofsaal war bis auf den letzten Platz besetzt, als Uwe Lorenz als Moderator die weit mehr als 50 Zuhörer begrüßte. Zusammen mit Nina Hebener, Schulleiterin der Ganztagsgrundschule Drangstedt/Elmlohe/Kührstedt und Christel Hempe-Wankerl, 2. Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes Deutschland eröffnete er eine Podiumsdiskussion zu dem Thema „Bedeutung der Ganztagsschule für Kinder, Eltern und die Entwicklung der Stadt Geestland“.

Gute Ganztagsschulen sind das Herzstück der „Zukunftsoffensive Bildung“, behauptet die Landesregierung und stellt allein für den Ausbau der Ganztagsschulen für 2017 einen Betrag von 260 Mio. € zur Verfügung. Ob dieses Geld gut angelegtes Geld sei, sollte innerhalb der Diskussion erörtert werden.

Vorab erfolgte eine Klärung der im § 23 des Schulgesetzes festgelegten Vorgaben:

- Eine Ganztagsschule muss zusätzlich zum Regelunterricht an mindestens vier Tagen außerunterrichtliche Veranstaltungen vorhalten

- Von der Schule kann eine der drei Ganztagsschulformen gewählt werden:

-- Offen: freiwillige Teilnahme, auch für nur 3 Tage möglich

-- Teilgebunden: 2 oder 3 Tage verpflichtende Teilnahme aller Kinder, restliche Tage freiwillig

-- Voll gebunden: 4 oder 5 Tage verpflichtende Teilnahme aller Kinder

- Ganztagsschulzüge: Innerhalb einer Schule werden neben Halbtagsklassen Ganztagsschulklassen gebildet. Dabei ist die Form (offen, teilgebunden, voll gebunden frei wählbar)

Auf die Frage „Warum eine Ganztagsschule für unsere Kinder?“ gibt der Pädagoge Prof. Klaus Klemm, so Uwe Lorenz,  zwei „Basis-Antworten“:

 - Mit Blick auf die elterliche Erwerbstätigkeit: Ganztagsschule stellt die Beaufsichtigung von Schülerinnen und Schülern sicher und schafft damit eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

 - Mit Blick auf den pädagogischen Auftrag: Ganztagsschulen gelingt es, Schülerinnen und Schüler verstärkt individuell zu fördern und die Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Herkunft abzubauen.

Nina Hebener bestätigt, dass beide Argumente für die Anwahl ihrer Schule von großer Bedeutung seien. Dies habe zur Folge gehabt, dass das zunächst auf drei Tage angelegte Angebot auf fünf Tage erweitert wurde und mit 85% eine Anwahlquote erreicht hat, die die als offene Ganztagsschule konzipierte Schule in die Nähe einer voll gebundenen Ganztagsschule bringt. Dies ermöglicht auch, dass nicht, wie in herkömmlichen offenen Ganztagsschulen der Regelunterricht am Vormittag und die Zusatzangebote am Nachmittag stattfinden, sondern dass ein wesentliches Merkmal einer gelingenden Ganztagsschule, die Rhythmisierung, erfolgreich betrieben werden kann. So können belastende und entlastende Lernzeiten im Stundenplan auf den ganzen Tag verteilt werden.

Die Vielfalt der Angebote dieser Schule konnte durch ein intensiv betriebenes Fundraising erreicht werden. So konnten kostenlos Logopädie, Golfspiel und Reiten in den Angebotsplan eingebunden werden. „Wer nicht fragt, bekommt auch nichts“, so Nina Hebener. Nicht wissenschaftlich untersucht, aber doch im täglichen Umgang unübersehbar, sei, dass sich das Sozialverhalten der Kinder im Umgang miteinander und auch im Verhalten gegenüber Erwachsenen verändert habe. Rücksichtnahme auf Mitschüler und Anerkennung des anderen seien nachweislich verbessert worden.

Christel Hempe-Wankerl macht darauf aufmerksam, dass Kinder aus Familien mit dem höchsten sozioökonomischen Status (Lebensumstände) häufiger Ganztagsangebote als Kinder aus sozial weniger privilegierten Familien wahrnehmen. Dies führt bei offenen Formen teilweise zu sehr mäßigen Teilnehmerzahlen und, so ergänzt Uwe Lorenz, das Ergebnis sei, dass häufig gerade die Kinder, die den höchsten Lernbedarf haben, die Angebote der Schule nicht wahrnehmen. So führe die offene Form zu einer Verstärkung der Segregation (Entmischung der sozialen Schichten). Dies ist nicht so das Problem der Drangstedter Schule, müsse aber bei dem jeweiligen Einzugsgebiet gesondert beachtet werden. Deshalb sei es richtig, dass eine Schule lt. Schulgesetz nach ihren eigenen Gegebenheiten über die Form und inhaltliche Gestaltung ihrer Schule entscheiden kann. Dies bedarf einer gründlichen Vorbereitung und Absprache mit der Elternschaft und dem Lehrerkollegium. Frau Hempe-Wankerl betonte eindringlich, dass man sich bei der Erarbeitung der Konzeption Zeit lassen müsse, sich Beispiele an anderen vergleichbaren Schulen ansehen solle und Beratung auch durch den Ganztagsschulverband und andere Externe wahrnehmen solle. Ob die Ganztagsschule von Eltern und Schülern genutzt wird, sei von den individuellen Merkmalen der Schülerschaft abhängig, sie bestimmen die Angebotsbreite und letztendlich die Qualität der Ganztagsschule als individuelles Merkmal.

In der offenen Diskussion wird an vielen Stellen deutlich, dass die über das Ehrenamt organisierten Zusatzangebote das Problem der Verlässlichkeit beinhalten. Gefordert wird auf der einen Seite eine Besoldung ehrenamtlicher Tätigkeit, auf der anderen Seite eine Absicherung der Angebote beispielsweise durch einen professionell organisierten Angebots-Pool. Kritisch wird eine Äußerung gesehen, die den ehrenamtlich tätigen „Omas und Opas“ den Vorrang im Ganztagsangebot geben will. Eine Ganztagsschule bleibe eine Schule, und die Kinder haben einen Anspruch auf pädagogisch ausgebildete Fachkräfte, so die Gegenrede. Hierbei sei nicht nur an Lehrkräfte gedacht, sondern auch an Erzieher/-innen, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen; denn sie haben einen anderen Blickwinkel auf das Kind sowie eine direkte Verbindung zur Jugendhilfe.

Begierig nahm Frau Hempe-Wankerl eine Zuhöreraussage auf, nach der zu fordern sei, dass eine Ganztagsschule doch erst dann ihrem Namen gerecht werden könne, wenn sie über den ganzen Tag mit verlässlichen Lehrkräften und einer adäquaten Ausstattung versehen sei. Dies sei auch die Sicht des Ganztagsschulverbandes, so ihre 2. Vorsitzende. Nicht in jeder Ganztagsschule, wo Ganztagsschule drauf steht, sei auch eine Ganztagsschule drin. Man lehne zwar nicht die offenen Formen ab, sehe sie vielmehr als Start, um sich zu einer gebundenen Form weiterzuentwickeln. Dies habe natürlich finanzielle Konsequenzen, man brauche mehr und besser für den Ganztagsschulbereich ausgebildete Lehrkräfte – hier sei die Universität gefordert -, die Tagesarbeitszeit für den Lehrer ändere sich und mache Lehrerarbeitsplätze in der Schule erforderlich usw. Wichtig sei auch, dass im gebundenen Ganztag die Hausaufgabe abgeschafft werde. Dies sei für den Hausfrieden eine nicht zu unterschätzende Maßnahme und mache die Freizeit besser planbar. Eltern, die der Meinung seien, „am Nachmittag gehören die Kinder mir!“, können in einem gebundenen System erfahren, dass viele Freizeitangebote, zu denen sie ihre Kinder früher hinfahren mussten, nunmehr Platz in der Schule gefunden haben. Viele Kinder erhalten dadurch auch gerade erst die Möglichkeit solche Angebote wahrzunehmen. Die Öffnung der Schule zum Stadtteil ist somit eine wesentliche Folge und die dadurch angestoßene Vernetzung mit den kulturellen und sportlichen Veranstaltungen der Kommune führt zu deren Intensivierung.

Dass dieser Weg für ein „Mehr an Zeit“ auch ein „Mehr an Finanzen“ erforderlich macht, ist allen Anwesenden klar. Hieraus entsteht die Frage, wie eine Schule an die seitens der Landesregierung versprochenen Mittel kommen kann. Annette Faße verspricht, sich hierüber bei Uwe Santjer, MdL, zu informieren. Gefordert wurde auch seitens des Ganztagsschulverbandes wie auch vom Moderator und selbst von anwesenden CDU-Mitgliedern auf die Aufhebung des Kooperationsverbotes hinzuwirken, um den zz. in der Bundesrepublik herrschenden Wildwuchs der unterschiedlichen finanziellen Unterstützungen im Bildungswesen in gelenkte Bahnen bringen zu können und eine Förderung seitens des Bundes zu ermöglichen; denn die Zukunft der Bildung sei eine Bundesaufgabe. Uwe Lorenz weist in diesem Zusammenhang auf das am Folgetag zu erwartende Untersuchungsergebnis der Bertelsmann-Stiftung hin, das sehr große Unterschiede zwischen den Lernbedingungen in den Bundesländern nachweist – verursacht durch massive Unterschiede bei den Zuweisungen von pädagogischen Fachkräften und zusätzlichen Lernzeiten.

Frau Dittmann, die den erkrankten Bürgermeister Krüger vertritt, antwortet auf die Frage, ob denn jede Schule Ganztagsschule werden können, dass dies grundsätzlich gelte, jedoch die vorhandenen Schülerströme hierbei Beachtung finden müssten.

Uwe Lorenz schließt die sehr intensiv geführte Diskussionsrunde in Hinblick auf den Schwerpunkt, den die Finanzierungsfrage stellte, mit einem Wort des Soziologen Heinz Bude:
„Ausländischen Beobachtern erscheint Deutschland als Land hoher ökonomischer aber geringer sozialer Produktivität. Man investiert vorrangig in Maschinen und Management und nachrangig in Menschen und Mentalitäten. Die Lösung dieses Problems scheint auf der Hand zu liegen: Es ist die Ganztagsschule.“

 

 

 

 

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